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Die Glocken von Wiblingwerde

Der nachfolgende Bericht ist ein opulentes „Abfallprodukt“ des Films „Schönes Wiblingwerde aus der Sicht des Kutschers“. Bei den Recherchen zum Drehbuch stellte Vereinsmitglied Dr. Karl-Heinz Lindenlaub fest, dass niemand über die Glocken der Johanniskirche Bescheid wusste. Inschriften, Jahr des Glockengusses, Geschichten um die Glocken, Vorgänger-Glocken – Fehlanzeige. Es gab darüber keine Artikel in alten Festschriften, keine Aufsätze in den Kirchen-Broschüren, keine Reportagen in den Zeitungen, keine Hinweise im Internet. Nützlich, aber unbekannt - die Glocken von Wiblingwerde klangen über dem Dorf als unbeachtete Selbstverständlichkeit, zwei "Veilchen im Moose", allerdings fast drei Tonnen schwere "Veilchen". Dabei hatten sie so unendlich viel zu erzählen! Man mußte sie nur "fragen"!

Pfarrer Gerald Becker erlaubte Karl-Heinz Lindenlaub und seiner Ehefrau Angelika Hummel, in der Glockenstube der Johanniskirche mit den Nachforschungen zu beginnen. Aus den spärlichen Informationen von verschiedensten Seiten und Stellen, aus den Befragungen, Erinnerungen und Funden vieler älterer Mitbürger/innen trug das Paar schließlich den nachfolgenden Beitrag zusammen.

Wer von den Leser/innen noch ergänzende Informationen oder Bilder zu diesem Thema hat, ist herzlich aufgerufen, sich zu melden, um das „Puzzle“ zu ergänzen!

Der "Dicke Gerald" und die "Kleine Barbara"

Die beiden Glocken im Turm der Johanniskirche. Die kleinere läutet gerade zur Mittagszeit. Sie feiert in diesem Jahr einen richtig runden "Geburtstag" - 300 Jahre ist sie alt geworden!

„Wir rufen die Lebenden, beklagen die Toten und zähmen die Blitze“

Die Glocken von Wiblingwerde

Von Angelika Hummel (kath.) und Karl-Heinz Lindenlaub (ev.)

Die Glocken von Wiblingwerde – jeder Bewohner hört sie mehrmals täglich. Aber was steckt dahinter? Wie sehen sie aus, welche Geschichten können uns die Glocken der Johanniskirche erzählen – von sich und ihrem Geläute? Spannende Fragen, meinten Dipl. Ing. Angelika Hummel und Dr. Karl-Heinz Lindenlaub. Das Ehepaar begab sich mit gütiger Erlaubnis von Pfarrer Gerald Becker auf die Spurensuche.

Küsterin Barbara Böhland

In das "Reich des Klanges"

Küsterin Barbara Böhland öffnet uns die niedrige Holztür mit dem uralten Kastenschloß und den handgeschmiedeten Beschlägen. Noch ein Stockwerk hoch über eine Holztreppe, die letzten drei Meter steigen wir über eine betagte Leiter. An der Decke des Raumes muß eine schwere Holzluke weggeklappt werden. Geschafft. Wir sind am Ziel, bei den Glocken von Wiblingwerde. Wir betreten das „Reich des Klanges“. So beschreibt es der Dichter Friedrich Schiller in seinem berühmten Gedicht „Das Lied von der Glocke“. Erster Eindruck: Die beiden Glocken „beherrschen“ den Raum. Es ist eng im Reich des Klanges. Gut 4 x 4 Meter groß ist die Glockenstube. Und vier Meter hoch. Etwas feucht ist es dort. Und staubig. Die Wände aus Bruchstein-Mauerwerk sind grob verputzt. Wer mit sauberer Kleidung hochsteigt, darf  hinterher seine Waschmaschine anwerfen.

Aber das uralte Gemäuer „hat was“. Drei große Rundbogenfenster durchbrechen das meterdicke Mauerwerk. In die Öffnungen sind hölzerne Schall-Luken eingepasst. Sie lassen nur ganz wenig Licht eindringen. Das Glockengestühl besteht aus schweren, handbehauenen Balken, beste Sauerländer Eiche, anno 1710, nach alter Art mit Holznägeln verzapft. Im hinteren Teil hat der Zimmerer die Anfangsbuchstaben seines Namens – „K.T.“- tief eingeritzt. Im feuchten Klima der Glockenstube fühlt sich leider auch der Holzwurm wohl. An den heftigsten Nage-Stellen sind Eisenträger eingezogen, gleichzeitig als Verstärkung für den elektrischen Antrieb des Geläutes. An einem maschinengeschnittenen Balken und den Eisennägeln erkennt man die Ausbesserungen neuerer Zeit. Holzbretter bilden die Decke zum Turmdach.

Die elektrische Beleuchtung erhellt den Raum nur schwach. Der mitgebrachte Zusatzscheinwerfer bringt nicht viel. Es ist zu verwinkelt dort oben. Das sich gegenseitig abstützende Gestühl und die beim Läuten weit ausholenden Glocken nehmen den Raum voll in Beschlag. In der Stube der Glocken schmiegen sich Teile des alten Handläutwerks an die Wand. Ansonsten ist kein Platz für andere Geräte und andere Tätigkeiten. Das ist sicherlich so gewollt. Hier soll geläutet werden, nichts anderes, da sind Aufgabe und Anspruch zu wichtig. Ablenkung unerwünscht.

Seit acht Jahrhunderten haben hier oben Menschen gestanden. Menschen, die ein erheblich entbehrungsreicheres, gefährlicheres Leben führten als wir Heutigen, Menschen, deren Namen niemand mehr kennt. Aber wir wissen, was sie hier oben taten. Es ist ein wenig schaurig, jetzt selber am Ende dieser langen Reihe im Halbdunkel vor dem wuchtig anmutenden Geläut zu stehen.

In einer Ecke läuft ein tiefer Riß durch das Mauerwerk – der „Zahn der Zeit“. Die Stelle, wo die Steine durchbrochen wurden, um die Glocken auszuwechseln, zeichnet sich deutlich ab.

Die Glocken sind mit kleinen Rostflecken überzogen, man erkennt rote Tropfen von Rostschutzfarbe und Rinnsale von Kondenzwasser. Klar doch, im Grunde hängen sie „im Freien“, durch Turmdach und Gemäuer nur vor unmittelbarem Wettereinfluß geschützt. Wie auch anders? Ein geschlossener Raum täte zwar den Glocken besser – nur, man würde das Läuten nicht mehr hören! An den beiden Seiten, wo der Klöppel auf den inneren Schlagring der Glocke trifft, sind deutlich zwei Kerben zu erkennen. Auch die Klöppel sind von den vielen Schlägen eingedellt. Zaghaft versuchen wir, die große Glocke mit der Hand zum Schwingen zu bringen – es geht, in ganz kleinen Schritten, den Schwung immer mehr ausnutzend, doch wir müssen anfangs richtig Kraft aufwenden.

Die Inschrift der großen Glocke von 1928

Als die kleine Glocke drei Minuten zur Mittagszeit läutet, ist es zwar unmittelbar daneben ziemlich laut, aber noch erträglich. Bei jedem Rock-Konzert geht es lauter zu. Anders bei der großen Glocke. Da steckt ein ganz anderer „Wumms“ dahinter. Ganz leicht, fast zärtlich, schlägt der Klöppel an. Und trotzdem gibt es ein durchdringendes „Bim“ oder „Bam“. Da erzittert das Gestühl. Da bebt der eigene Körper vom Druck der Schallwellen. Da wünscht man sich zwei Hinkelsteine als Ohrstöpsel. Aber es ist alles andere als moderner Krach. Nein, es ist Klang, ein unbeschreiblicher, alles überlagernder, aus geschichtlichen und christlichen Tiefen emporsteigender, geradezu sphärischer Klang. Wer da nur Lautstärken verortet, greift zu kurz: „Den Männern der Statistik fällt nichts auf, aber die Beobachter haben so viel zu besichtigen, dass ihnen das Sehen vergeht“, heißt es bei Joseph Roth im Roman „Jewgraf“. Ein startendes Düsenflugzeug und ein Konzert – beides ist laut. Doch welch ein Unterschied im Klang! Auch uns „vergeht  Hören und Sehen“. Welch ein unvergessliches Erlebnis, direkt vor unserer Haustür! Wir sind dankbar, einmal unmittelbar dabei sein zu dürfen.

Die „Große“ wurde im Jahr 1928 gegossen - aus Stahl. Wir können mit Sicherheit annehmen, dass sie in Bochum hergestellt wurde, bei der Gießerei „Bochumer Verein“. Diese Fabrik war seinerzeit die einzige deutsche Stahl-Glocken-Gießerei. Die „Große“ ist gut einen Meter hoch und hat am Glockenmund einen Durchmesser von 1,30 m. Sie wiegt – geschätzt – gute 2 Tonnen und ist auf den Ton „a“ gestimmt. Den oberen Rand schmückt ringsum eine dekorative Girlande. Auf ihrer rückwärtigen Seite ist ein Bibel-Spruch eingegossen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Häufig wurden früher beim Glockengießen lateinische Sprüche verwendet. Der wohl schönste steht auf der Schaffhauser Münsterglocke: „VIVOS VOCO, MORTUOS PLANGO, FULGURA FRANGO“ (deutsch: „Die Lebenden ruf’ ich. Die Toten beklag’ ich. Die Blitze brech’ ich.“) Wiewohl unausgesprochen, gilt dieser Leitspruch natürlich ebenso für die beiden Wiblingwerder Glocken.

Wir schreiben das Jahr 1928 und es ist ein großer Tag für Wiblingwerde: Die neue stählerne Glocke aus Bochum ist eingetroffen! Die Mitglieder des CVJM-Posaunenchors haben sich für den Fotografen hinter der Glocke aufgestellt (v.l.n.r): Karl Hülle, Willi Renfordt, Otto Malms, August Bäcker, Hugo Hülle, August Hoffmann, Walter Eberg, Willi Grennigloh, Otto Luttgau.

Die unglückliche Geschichte der großen Glocken

Was geschah mit der Vorgängerin der großen Glocke? Es hat in den vorangegangenen Jahrhunderten immer eine zweite Glocke gegeben. Das bezeugt unter anderem das Läute-Verzeichnis von 1843. Doch wo ist sie geblieben? Niemand konnte uns zunächst Auskunft geben. Klaus Potthoff, Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins Nachrodt-Wiblingwerde e.V., löste schließlich einen Teil des Rätsels. Er fand einen kleinen Text im „Sonntagsblatt für Altena, Nachrodt-Obstfeld, Wiblingwerde“, Beilage zu Nr. 35, aus dem Jahre 1907:

Am Dezember 1709, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, wütete der vierte Dorfbrand, so heftig, dass der Kirchturm und das Pfarrhaus fast völlig zerstört wurden. Die große Hitze brachte sogar die Kirchenglocken zum Schmelzen! Schon 1710 wurden zwei neue Glocken gegossen, eine große und eine kleine. Wenn man bedenkt, dass der ausgebrannte Kirchturm zunächst wieder restauriert werden musste, wenn man zudem weiß, dass die kleine 200-Seelen-Kirchengemeinde bitter- und bettelarm war, dann ist es eine beeindruckende Leistung, dass ein Jahr später schon zwei neue Glocken bestellt werden konnten!

Die kleine Glocke läutet noch heute im Kirchturm. Mehr dazu später. Die große Glocke hatte in den folgenden Jahrhunderten eine ganz und gar unglückliche Geschichte: Schon 1786, nach 76 Jahren, was für eine Kirchenglocke kein besonders hohes Alter ist, ging sie kaputt. Ausgerechnet beim Trauergeläut für den gestorbenen Preußenkönig „Friedrich der Große“ (der „alte Fritz“), bildete sich ein Riß. Drei Jahre später, 1789, wurde die Glocke nach Ergste gebracht und dort umgegossen. Doch auch die neue Glocke hielt nur bis 1862. Dann bekam auch sie einen Riß. Sie wurde 1864 nach Westhoven zur Gießerei Rincker gebracht, dort eingeschmolzen und dann neu gegossen, mit der Inschrift: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Aber wo ist sie geblieben?

Gerhard Hülle, Kirchmeister von 1967 bis 1989, hat vor langer Zeit gehört, im ersten Weltkrieg (1914-1918) habe man die große Bronze-Glocke vom Turm heruntergeholt. Bronze wird in Kriegzeiten dringend zum Bau von Kanonen gebraucht. Heinrich Wilke, der Großvater von Alfred Wilke, heutiger Seniorchef der Wiblingwerder Metallbaufirma, habe die Glocke mit einem Hammer in handliche Teile zerschlagen müssen. Alfred Wilke weiß nichts davon. Aber dass die vorherige Glocke zum Kanonenbau eingeschmolzen wurde, ist sehr wahrscheinlich. Dieses Schicksal haben viele andere Bronze-Glocken in jener Zeit erlitten. Und das Herstellungsjahr ihrer Nachfolgerin würde in diese zeitliche Abfolge stimmig hineinpassen. Logisch auch, dass die Wiblingwerder Kirchengemeinde im Jahre 1928 die gleiche Inschrift bestellte, die auf der verloren gegangenen Bronze-Glocke gestanden hatte!

Vor 300 Jahren: Ein "Druckfehler" beim Bronze-Guss

Die kleine Glocke ist die interessantere der beiden. Sie ist deutlich älter, wie alt genau, ist zunächst unklar. „ANNO  I7_0“ steht für das Herstellungsjahr. Die dritte Ziffer für das Jahrzehnt ist beim Gießen bzw. Formen unbemerkt umgekippt! Nicht nur die „liegende“ Zahl, auch der dazugehörende rechteckige Druckkegel (das „Unterfutter“ der „I“) zeichnen sich deutlich ab. Da hat ein Glockengießer-Geselle vor 300 Jahren sicherlich gehörig die Ohren gewaschen bekommen, als man den „Druckfehler“ bemerkte!

Beinahe für Kanonen eingeschmolzen

Kleine Glocke hatte großes Glück.

Die „Kleine“ besteht aus Bronze. Dadurch hat sie kaum Rost gegenüber ihrer 220 Jahre jüngeren Kollegin. Wegen ihrer Bronze-Legierung hätte sie beinahe das Schicksal ihrer großen, eingeschmolzenen „Schwester“ ereilt. Diesmal passierte es im zweiten Weltkrieg (1939-1945). Man hatte sie schon 1939 vom Kirchturm abgeseilt und nach Bochum geschafft. Im Stahlwerk „Bochumer Verein“ sollte sie eingeschmolzen werden. Dazu kam es nicht, aus welchen Gründen auch immer. Wilfried Ide, der Sohn der späteren Küsterin Berta Ide, hörte diese Geschichte von seinem Vater und seinem Großvater. Alfred Wilke hat als kleiner Junge miterlebt, wie die Glocke ausgebaut und abtransportiert wurde. Er war auch dabei, als sie nach dem Ende des Krieges wieder hochgezogen und an ihrem alten Platz verankert wurde. - Glück muß man haben, auch als Glocke!

Auf beiden Glocken ist das Jahr ihres Gusses festgehalten. Auf der kleinen Glocke (oben) ist ein "Druckfehler"!

Wiederentdeckt auf der Turm-Glocke

Der verschollene Name des alten Kirchmeisters

Über diesen Kirchmeister gibt es keine Aufzeichnungen mehr. Man kennt zwar die Namen der Kirchmeister von 1547 bis 1599. Dann gibt es in den kirchlichen Urkunden eine Lücke bis 1723. Mit anderen Worten: Wir haben einen weiteren, bislang unbekannten Kirchmeister aus dem Jahr 1710 (Hermann von Eilerde) gefunden! Niemand hatte nach seinem Namen auf der kleinen Glocke im Kirchturm gesucht! Auch wir sind ja rein zufällig darauf gestoßen. Ausgerechnet Kirchmeister Rainer Nowak, der heute neben Ernst Alfred Wilke dieses Amt ausübt, entdeckte den Namen seines verschollenen Kollegen. Nowak war für uns mit einer Taschenlampe ins Gestühl gekraxelt und hatte uns die Glocken-Inschriften zugerufen. Und damit nicht genug: Dieser Hermann von Eilerde ist wiederum ein Vorfahr von Gerhard Hülle, dem Kirchmeister von 1967 bis 1989!

3.  Reihe: IOHAN (= Johann) OBSFELT, SCHAEFFE (= Schöffe) – IOHAN ZU FESEFEDE
(= Veserde) UNDT HENRICH GROTE

4.  Reihe: HERMAN GROTE UNDT THOMAS DRESEL – ELTESTEN VORSTEHERE
(= Vorsteher des Presbyteriums)\'a0eine weitere, fromme Zeile auf lateinisch: „SOLI  DEO  GLORIA“ – „Gott alleine die Herrlichkeit“. Die kleine Glocke wiegt etwa 700 Kilo, sie ist 68 cm hoch und hat einen Durchmesser von 78 cm. Sie ist gestimmt auf den Ton „f“.

Vielleicht hat ja GOTT selber beim zweiten Mal eingegriffen und gesagt: „So, jetzt reicht’s aber!“

In vier Reihen ringsum sind die Namen der Stifter eingegossen, die für die Glocke seinerzeit spendeten – eine Aufzählung der Wiblingwerder „High Society“ des frühen 18. Jahrhunderts.

1. Reihe: IOH (= Johann) GODFRIED ERNST KON (königlich) PREUS (preussischer) HOGRAEF (Hogräfe = Hochgraf, Bezirksrichter) UNDT RICHTER HIESELBST (= aus Wiblingwerde).

Johann
Gottfried Ernst war wohl der wichtigste und reichste Mann im Ort. Er hat vermutlich den höchsten Betrag gespendet – damit war sein Platz in der ersten Reihe gesichert.

2.  Reihe: DIEDERICH SCHULE PAST (= Pastor. Diederich = Theoderich = Theodor Schule war Pfarrer von 1691 bis 1730 und liegt in der Kirche auf dem Chor begraben) – HERMAN ZU EILVERDE – KIRCHMEISTER

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Bimmelinchen

Außerdem feiert die „Kleine“ in diesem Jahr einen richtig tollen runden Geburtstag! 300 Jahre!! Beinahe hätten wir es „vergessen“!!! Also, herzlichen Glückwunsch, Bimmelinchen!!!! Wir sind froh, dass wir Dich haben!!!!!

Außerdem ist es ja gleichzeitig ihr 300. Arbeitsjubiläum. Unsere „Kleine“ lässt sich ja nicht nur einfach „rumhängen“, wie etwa alte Urkunden oder antike Möbelstücke, die passiv nur herumliegen oder herumstehen. Sie arbeitet seit 300 Jahren brav jeden Tag im Glockenturm. Und wird dafür auch noch mehrmals täglich „geschlagen“!

Berta Ide, Küsterin von 1954 bis 1974 war die letzte „Glöcknerin“ von Wiblingwerde. Sie hat die beiden schweren Glocken noch mit der Hand geläutet. In einem Zeitungsartikel von 1993 über ihren Berufsalltag erzählt sie von der schweren Arbeit: „Wir mussten uns wirklich sehr krumm machen. Es erforderte viel Mühe, an den Stricken zu ziehen und die Glocken zum Läuten zu bringen. Bei feuchtem Wetter kostete die Arbeit doppelte Kraft, weil das Schmier-Fett dann hart wurde. Mein Mann hat mir häufig geholfen. Wir waren hinterher immer naß geschwitzt.“

Manchmal mussten die Konfirmanden zum Glockenläuten „ran“. Da fielen mitunter respektlose und derbe Sprüche hoch oben im Kirchturm. Was die Jugendlichen nicht wussten: Der Turm ist ein großer Klangkörper. Man bekommt unten in der Kirche alles mit, was oben gesagt wird. Natürlich hörte es auch die Küsterin. Berta Ide war entsetzt! Als die Konfirmanden wieder herunterstiegen, gab es eine kräftige Standpauke.

Rache ist süß: Die Jugendlichen besorgten sich einen kräftigen Stock aus den Büschen um die Kirche. Als die Küsterin einmal wieder alleine in der Kirche war, klemmten sie von außen den Stock unter die Türklinke und Frau Ide war eingesperrt.

Inschrift der kleinen Glocke von 1710

"Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden.
Frisch Gesellen, seid zur Hand."

Der "Dicke Gerald" und die "Kleine Barbara"

Mit der Renovierung der Johanniskirche wurde 1968 ein elektrisches Geläut eingebaut. Barbara Böhland, Küsterin seit 1983, legt nur noch einen Schalter um. Das tägliche Geläut ist sogar vorprogrammiert und setzt sich selbsttätig in Gang. Doch auch die moderne Technik hat ihre Tücken. Wenn Störungen auftreten, ist ihr Ehemann Roger Böhland gefragt. Er kennt sich mit der Anlage bestens aus. Manchmal braucht er nur einige Handgriffe, um das Geläut ohne Zeitverzug wieder in Gang zusetzen. „Wir gehören zum Bodenpersonal vom lieben Gott“, sagen die beiden.

Die Glocken sind mittels der Inschrift einem Heiligen oder einem Anlass (beispielsweise Maria Gloriosa im Erfurter Dom) gewidmet. Häufig bekommen sie auch vom Volksmund einen Namen. Die bekanntesten Beispiele dafür sind „Big Ben“ in London und der „dicke Pitter“ im Kölner Dom. Die beiden Glocken in der Johanniskirche haben bisher keine Namen. Dr. Karl-Heinz Lindenlaub macht in seinem neuen Film: „Wiblingwerde aus der Sicht des Kutschers“ einen Vorschlag. Er regt an, die große Glocke „der dicke Gerald“ zu nennen und die kleine Glocke auf den Namen „die kleine Barbara“ zu taufen. Die Begründung liefert er im Film gleich mit: „Dann hätten wir einen schlanken Gerald (Becker) als Pfarrer und einen dicken Gerald als Glocke und eine große Barbara (Böhland) als Küsterin und eine kleine Barbara im Glockenstuhl.“

Wer tiefer in unser Thema eindringen möchte, für den lohnt es sich, das „Lied von der Glocke“ zu lesen. Fast jeder kennt den Anfang:

Dieser wohl bekannteste deutsche Text handelt vom Guß einer Glocke. Bei seiner Veröffentlichung 1799 hing unsere „Kleine“ immerhin schon 89 Jahre im Kirchenturm!

Die heutigen Glocken haben natürlich Vorgänger gehabt. Als vor 800 Jahren mitten in Wiblingwerde die St. Johannes-Kirche im spätromanischen Baustil errichtet wurde, bekam sie mit Sicherheit ein kleines Läutwerk, den ärmlichen Zeiten des Mittelalters entsprechend. Alle Zeugnisse darüber gingen im Lauf der Jahrhunderte verloren. Durch Dorfbrände, Kriegswirren oder einfach nur Gedankenlosigkeit und Unachtsamkeit.

Die Glocken von Wiblingwerde zählen zu den kleineren Geläuten. In der großen, weiten Welt gibt es ganz andere Kaliber: Die größte freischwingend läutbare Kirchenglocke hängt im Kölner Dom. Die St. Petersglocke, „der dicke Pitter“, wiegt satte 24 Tonnen und hat einen Durchmesser von 3,21 m. Gegossen wurde sie 1923. Der Klöppel alleine wiegt eine Tonne. Es geht noch größer: Im Kreml in Moskau steht die sogenannte „Zarenglocke“. Sie wurde von 1733 bis 1735 gegossen, wiegt 202 Tonnen und wurde noch nie geläutet.

Die Erfindung der Glocke liegt erheblich weiter zurück. Vor etwa 3500 Jahren wurden in China die ersten Exemplare gegossen. Sie wurden mit der Mündung nach oben montiert, besaßen noch keinen Klöppel und wurden von außen mit Schlegeln geschlagen.

Noch heute „hängen wir etwas an die große Glocke“, wenn wir Wichtiges mitzuteilen haben. Diese Redewendung wurde früher ganz wörtlich genommen: Stadt-Angelegenheiten, Bekanntmachungen, Feiertage, Feste, drohende Gefahr durch Feuer und feindliche Truppen usw. wurden früher mit der Kirchenglocke angekündigt. Bei wichtigen Anlässen, die über den Rahmen der Dorfgemeinschaft hinausgingen, wurden durch Glockengeläut die Bewohner aus Nah und Fern informiert.

Läuten für die "Lumpen" und gegen die Pest

Es gab unzählige weitere Anlässe, kirchlicher und weltlicher Natur, um die Glocken zu läuten. Länge, Ablauf und Einsatz welcher Glocken wurden in der Läuteordnung genau festgelegt. Die meisten Gründe sind heutzutage längst weggefallen. Erhalten hat sich die Tageszeitenglocke. Sie teilte den bäuerlichen Tag ein. Um 6 Uhr morgens begann die Arbeit, 12 Uhr war Zeit zum Mittagessen und um 18 Uhr hatten die Kinder daheim zu sein. Die Sterbeglocke ertönt bei Beerdigungen („das letzte Glöcklein hat ihm geschlagen“). Es gab die Abendglocke, die Schlafglocke und die Pestglocke bei Pestgefahr. Die Lumpenglocke läutete jeden Abend das Schließen der Stadttore oder die Sperrstunde ein: Die Zecher - die „Lumpen“ – wurden an die späte Stunde erinnert und aufgefordert, nach Hause zu gehen. Die Armeseelenglocke läutete nachts zur Orientierung, vor dem Schließen der Stadttore, damit die „Armen Seelen“ / Verirrten den Weg fanden. Die Wetterglocke warnte vor Sturm und anderen Unwettern, ebenso wie die Feuerglocke. Es wurde zu Hinrichtungen („Armesünderglocke“) geläutet oder zur Eröffnung des Marktes, aber auch zum Schulbeginn und zur Abfahrt der Postkutsche. Kirchliche Feiern und Feiertage wurden ebenso angekündigt wie z.B. eine Hochzeit.

Friedrich Schiller geht in seinem „Lied von der Glocke“ auf diese unterschiedlichen Aufgaben ein. Zur Hochzeitsglocke etwa schreibt er die berühmten, millionenfach „abgekupferten“ Verse:

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

Die Gefahren einer Abwendung vom Christentum und die Bekämpfung dieser Gefahr durch kräftiges Glockenläuten hat Schiller in noch bekanntere Reime gegossen:

Gefährlich ist's, den Leu (= altertümlich für "Löwe") zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Schiller zielte damit auf die französische Revolution, die zehn Jahre zuvor begonnen hatte, mit all ihren Exzessen. „Da werden Weiber zu Hyänen - Und treiben mit Entsetzen Scherz“, meint Schiller. Nun gut, seine Ansichten sind über 200 Jahre alt. Demokratie und Menschenrechte sind heute anerkannte Grundsätze unserer Gesellschaft und das reihenweise Köpfen von andersdenkenden Mitbürgern ist – glücklicherweise – aus der Mode gekommen. Ob die, ach, so moderne Infragestellung des Christentums unsere Gesellschaft jedoch wirklich verbessert, das darf füglich bezweifelt werden. Doch verstärktes Glockenläuten dürfte heutzutage nicht mehr viel nützen, um die Zahl der Kirchenaustritte zu reduzieren, hochehrenwerter Herr Schiller.

Kirchenglocken wurden also nicht nur wegen ihrer Signalwirkung geschätzt. Daneben schrieb man ihnen Schutzwirkungen zu, wie die gerade angesprochene Bestärkung im Glauben, und den schon erwähnten Schutz vor Unwetter. Zudem sollten sie böse Geister und Teufel erschrecken und in die Flucht schlagen. Auch den bösen Blick von Hexen galt es abzuwehren. Alte Bräuche, wie das Ausläuten des abgelaufenen Jahres und Einläuten des neuen Jahres, gehen auf diese Ursprünge zurück.

Bei so vielen Anlässen zum Glockenläuten konnte es durchaus zu Missverständnissen kommen. Pfarrer Gerald Becker zitiert aus der Fest-Broschüre zum 400. Geburtstag der evangelischen Kirchengemeinde: „Bis 1843 wurden sowohl bei Beerdigungen als auch „in Feuersnoth“ in Wiblingwerde beide Glocken geläutet. Dann entschied das Presbyterium: Ab sofort wird nur noch „bei Leichen“ mit beiden Glocken geläutet, bei Bränden allein nur noch die große Glocke. Zur Nachtzeit jedoch sollte, wie vorher, bei Feueralarm mit beiden Glocken geläutet werden.“ Lächelnd fährt er fort: „Das kennen wir doch von heute: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?“

Unterschiedliche Aufgaben für die beiden Glocken

Die Läuteordnung für Küsterin Barbara Böhland ist längst nicht mehr so umfangreich wie seinerzeit. Die kleine Glocke ist die „fleißigere“: Anders als früher läutet sie täglich um 7:00, 12:00 und 19:00 Uhr und am Sonntagmorgen um 8:00 und um 9:00 Uhr, für drei Minuten. Zu Beginn des sonntäglichen Gottesdienstes läuten beide Glocken zusammen, von 9:50 bis 10:00 Uhr. Ebenso ist Samstagabends von 19:00 bis 19:10 Uhr „volles Programm“. Bei Beerdigungen wird einen Tag vorher von 9:00 bis 9:10 Uhr mit beiden Glocken geläutet, nach der kirchlichen Trauerfeier dient „die Kleine“ als „Sterbeglöckchen“ zur Ausläutung des Sarges mit dem/der Verstorbenen bis zum Grab.

Der Schaltkasten für die Kirchenglocken. Der linke Knopf ist für die große Glocke, der rechte für die kleine Glocke.

Während die große Glocke ausnahmslos nur mit ihrem Klöppel geläutet wird - Bim-Bam - wird die kleine Glocke manchmal auch mit einem Schlegel angeschlagen - Bim-Bim. Früher kam das häufiger vor. Die Stunden wurden so angezeigt (daher der Ausdruck „ihm hat die Uhr geschlagen“). Auch an Weihnachten wurde früher so verfahren. Heute passiert das nur noch beim Sonntagsgottesdienst während des „Vaterunsers“. Früher wurde das „Schlagen“ per Hand mit einem hammerartigen Schlegel ausgeführt, heute übernimmt es ebenfalls das elektrische Läutwerk.

Beim täglichen Mittagsläuten in Wiblingwerde handelt es sich um ein kirchliches und weltliches Läuten zugleich. Aus christlicher Sicht soll es die Menschen für eine kurze Zeitspanne aus ihrer Alltagstätigkeit in Büro, Haushalt, Schule oder Werkstatt herausreißen. Zumindest für die Dauer des Läutens soll ihnen bewusst werden, dass es noch Bedeutenderes gibt als das, was momentan so unaufschiebbar erscheint. Ein kurzer Augenblick der Besinnung an das, was wirklich wichtig ist im Leben. Aus weltlicher Sicht hat(te) das Mittagsgeläut die Funktion der öffentlichen Bekanntgabe eines wichtigen Zeitpunktes im Tagesablauf. Der Klang der Kirchenglocken unterbricht die Arbeit auf dem Feld, im Büro, in der Werkstatt oder im Haushalt für die Mittagspause und ruft Bauern und Handwerker an den heimischen Herd.

Das Mittagsläuten hat übrigens einen martialischen Ursprung: Es erinnert an die Türkenkriege im 15. Jahrhundert! Zum Dank für den Sieg des Ungarischen Königs über Sultan Mohammed II. führte damals Papst Calixtus II. den Brauch in der katholischen Kirche ein.

Wichtigste Funktion des Glockengeläuts im Christentum war und ist aber der Aufruf zum Gottesdienst und die Aufforderung zum Gebet. Zudem verkündet es die Ankunft des heiligen Geistes.

Wie heißt es doch in dem berühmten Weihnachtslied: „Süßer die Glocken nie klingen ... Es ist, als ob Engelein singen ... wieder von Frieden und Freud --- Glocken mit heiligem Klang ... Klinget die Erde entlang!“

So war es schon immer, so ist es bis heute. Gerade zur Adventszeit und besonders zur Weihnacht sind die Glocken von Wiblingwerde nicht aus den Feiern und Vorbereitungen zum Fest wegzudenken. Verkünden sie doch alle beide mit ihrem stimmungsvollen Geläute die Weihnachtsbotschaft der Engel aus dem Lukas-Evangelium - weit über Stadt und Land hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Die Weihnachts-Glocke (Postkarte aus dem Jahr 1908)